Checkliste für Rape Culture in den Medien

Diese Liste lebt in einem Prozess ständiger Erweiterung und Überarbeitung. Wenn sie mir eine Email schreiben, können sie Updates abonnieren.

Praktisch hat diese Liste sehr wenig Sinn, wenn man wenig Hintergrundwissen hat, aber vielleicht ist sie besser als gar keine Vorlage. Die Liste entstand für die TeilnehmerInnen nach meinem Seminar Rape Culture in den Medien. [Ein Buch zum Thema ist in Arbeit. Da das Mäzenatentum ausgestorben scheint, wird es noch ein wenig dauern mit der Fertigstellung.]

Bedenke:

  • Triggerwarnung einfügen
  • Identität des Opfers? Stimme verzerrt, Gesicht verpixelt, Anonymisiert – Name ausgetauscht, Tatort und Wohnort verändert, Region, Alter, Schule, Job? Intimes und persönliches über Opfer geschützt? Informationen mit Opfer abgeklärt? Anonymisierung z.B. eines nachvollziehbaren Berufs (z.B. „Bürgermeister/in von…“)
  • die Unschuldsvermutung gilt für Täter/in und Opfer

 

Unterlassen Sie in Berichten über Sexualverbrechen:

 

  • Witze, Scherze, Humor, Satire, Polemik, Zynismus
  • Triggernde Detailbeschreibungen, genauen Tatverlauf
  • Pauschalurteile über PsychologInnen, Beratungseinrichtungen, Geschlechteridentitäten etc.
  • Meiden Sie die Opfervorführung und die Ausleuchtung von Intimitäten „bis unter die Haut“ ebenso wie die Analyse des Charakters des Opfers
  • Vergewaltigungsverharmlosendes
  • Anleitung zum Freispruch, d.h. Informationen darüber, wie Täter/Täterin freikam oder Staatsanwalt/Justiz umgarnte
  • Vergewaltigung ist keine sexuelle Handlung und nicht sexuell motiviert: wurde im Bericht Sex mit Vergewaltigung verwechselt? Beziehung mit Vergewaltigung verwechselt? Sexualität zwischen Opfer und Täter/Täterin beschrieben? Beziehung zwischen Opfer und Täter/Täterin romantisch beschrieben?
  • streng festgeschriebene Geschlechterrollen, verallgemeinerte Geschlechternormen
  • die Schuld/Teilschuld beim Opfer gesucht
  • Dämonisierung – Idealisierung, Übertreibung – Verharmlosung? („Geschlechter-Krieg“ bei Vergewaltigung, Beziehungs-Tat für Gewaltverbrechen)
  • Inszenierungen von Elend und Leid
  • Fokus auf Opfer (statt auf Tat oder Täter/Täterin)
  • Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Opfer oder an Kinderaussagen (konkret und generell)
  • Berichte über Falschbeschuldigungen, Kritiklose Auseinandersetzung mit angeblichen oder tatsächlichen Falschanzeigen
  • Dankbarkeit oder Verzeihen von Opfer fordern
  • Tipps wie das Opfer in Zukunft angeblich Sexualverbrechen vermeiden kann (Vergewaltigungsmythos Schutz und Schuld)
  • außergerichtliche Racheforderungen
  • Täterinnen/Täter als angegriffene oder durch Anzeige/Urteil zerstörte Personen bezeichnen. Schaden vorrangig oder nur bei Täter/Täterin feststellen.
  • ausufernd die Probleme beschreiben, welche die Täterinnen/Täter wegen der Anzeige oder dem Urteil hat, aber die Probleme des Opfers nicht und statt dessen die der Täter*innen
  • Andeutungen über den cholerischen Charakter der TäterInnen
  • Details aus dem Privatleben des Opfers die keinen Zusammenhang mit der Tat aufweisen

 

Widersprechen Sie bitte ausdrücklich

  • Tatverharmlosungen
  • Opfer-Täter- Umkehrungen, Victim-Blaming, Viktimisierung
  • Vergewaltigungsmythen
  • zitierte absurden Behauptungen und Meinungen
  • Schutzbehauptungen der Täter/Täterinnen
  • unangemessener Kritik am Opfer
  • Täter/Täterin als krank, abartig oder Monster entschuldigt
  • Entmenschlichung („Monster“, „Barbaren“)

 

Meiden Sie die Passivform. Täter/Täterin und Opfer sind aktiv handelnde Menschen. (Der Krieg brauch nicht aus, jemand begann ihn; niemandem ist die Hand ausgerutscht, jemand hat sie gehoben und zugeschlagen)

bevorzugen sie Formulierungen wie:

„Menschen die Vergewaltigung erlebt/erlitten haben“ (statt z.B. Vergewaltigungsopfer)

Menschen die transident sind

Menschen die intersexuell geboren werden/wurden

 

zu meidende weil irreführende Termini: Missbrauch, missbrauchen, Triebtat, Triebstau, Triebtäter/in, Sex-Tat, Sex-Täter/in, Beziehungstat, Geschlechterkrieg, pädophil, pädosexuell, Pädophile/r, Kinderschänder/in, Schändung, Monster oder andere Begriffe der Entmenschlichung und Abartigkeit von Opfer oder Täter/Täterin; Sexmonster, Sex-Attentäter/in, jemanden zum Sex zwingen (Sex oder alternative Begriffe für Sexualpraktiken), Sex-Bestie, Sex-Verbrecher, sich „vergreifen“, sich an jemandem „vergehen“ oder jemand „verging“ sich etc., Lolita; Skandal als Begriff für das Verbrechen, Befriedigung, sich befriedigen, schamlos, sämtliche Begriffe für Sexualität/Erotik/Verliebtheit/Liebe/Beziehung („LiebhaberIn“) zwischen TäterIn und Opfer, Familientragödie, Liebestragödie, Genitalbeschneidung statt FGM, Inzest (ist kein Terminus für ein Verbrechen).

stattdessen beschreibt man einfach wertneutral und sachlich was passiert ist, nennt Dinge beim Namen und verwendet z.B. Termini aus dem Strafrecht. Artikulieren sie sich in einem situativen Opferbegriff („die Person wurde Opfer von…“ einer konkreten, benannten Gewalttat). Ansonsten verwenden sie Namen, Fake-Namen oder nennen sie „der Betroffene von …“. Schreiben sie von Personen und Ereignissen, meiden sie von entstandenen Identitäten zu sprechen, wie es „das Opfer“ oder „die Vergewaltigte“ suggerieren würde. Niemand ist nur „Opfer von…“.

der Terminus „Opfer“ oder „victim“ wird in den meisten Ländern für konkrete Menschen und konkrete Fälle nicht mehr verwendet, was man ja bei Menschen, die Verkehrsunfalle erlebt haben niemals getan hat (außer in unpersönlichen Listen, z.B. bei der Aufzählung anonymer Statistiken) .

nicht: jemand musste nach Missbrauchs-Vorwürfen zurücktreten – sondern ALTERNATIV zB.: trat nach dem Bekanntwerden seiner Verbrechen an Minderjährigen zurück

Bilder No-Go für Nachrichten und Berichte:

  • originale Fotos der Tat
  • Fotos von Verletzungen am Körper
  • Bilder vom Opfer ohne dessen Einverständnis: besondere Sensibilität bezüglich deines eigenen „Teilen-Button“ gilt hier für
    • AusländerInnen
    • ethnische Minderheiten
    • sexuelle Minderheiten wie z.B. Transidente, Intersexuelle…
  • Gewalt schildernde Bilder die keinerlei Informationswert für die LeserInnen haben
  • Man möge bedenken, dass Fotos von extremer Gewalt bei Nichtbetroffenen normalerweise zu einer Entfremdungsemotion führen, und das Gegenteil einer Sensibilisierung hervorrufen. In Diktaturen wurden Fotos von Opfern schwer Gewalt (Regime-GegnerInnen, strategisch Verfolgten Menschen) gezielt gezeigt, d.h. solche Fotos nützen den TäterInnen und schaden den Opfern. Sie sollten nur ein einem geschützten Rahmen gezeigt werden und nach einer Ankündigung der Inhalte, die LeserInnen/ZuseherInnen dann auch umgehen können. D.h. sie müssen klar die Option haben, sie nicht zufällig ansehen zu müssen.

Bei Betroffenen und Menschen aus deren näheren sozialen Umfeld lösen sie schwere Retraumatisierungen aus.

 

Allgemein:

Unterlassen Sie die inflationäre Verwendung von sensiblen Begriffen („mein Kaffeehäferl wurde vergewaltigt“ oder „meine Oma stalkt mich und ruft jeden Tag an“).

Literaturempfehlung: Judith Herman, Die Narben der Gewalt.

(c) Helga Christina Pregesbauer