{"id":1040,"date":"2013-11-09T20:52:42","date_gmt":"2013-11-09T18:52:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wortflechte.com\/web\/?p=1040"},"modified":"2018-03-11T19:34:08","modified_gmt":"2018-03-11T17:34:08","slug":"kornblumenblau","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.wortflechte.com\/web\/kornblumenblau\/","title":{"rendered":"Kornblumenblau"},"content":{"rendered":"<h2><span style=\"color: #000080;\"><em><strong>KORNBLUMENBLAU<\/strong><\/em><\/span><\/h2>\n<p>Gerade eine Hand voll Jahre alt oder j\u00fcnger ist das Kind, mit seiner Oma unterwegs, die genau 60 Jahre \u00e4lter ist, geboren mitten im ersten der gro\u00dfen Kriege. Beide sind klein, das Kind blond, gelockt, blaue gro\u00dfe Kinderaugen, und es l\u00e4uft rund um seine Oma, vor ihr, hinter ihr, neben ihr, nimmt hin und wieder ein St\u00fcck des Weges entlang ihre Hand, die sonnengegerbte, furchige Gro\u00dfmutterhand mit den krummen Fingern. In ihrer blau-gebl\u00fcmten Sch\u00fcrze geht sie an diesem hei\u00dfen Augusttag neben dem Getreidefeld und h\u00f6rt mit den wenigen Kleinkinderworten die Preisung der Sch\u00f6nheit der Kornblumen zwischen den Getreide\u00e4hren. Blau und Gold. Was f\u00fcr eine Mischung und wie toll nicht die Natur sei, die sie solch wundervolle Kombinationen und wie erfreulich f\u00fcr das Auge und wie herrlich deren Sch\u00f6nheit das Wetter die warme Sonne und die Steinchen in den Zauberfarben am Weg unter unseren F\u00fc\u00dfen. Dass doch bestimmt die Oma einsehe, wie sch\u00f6n diese Kornblumen im Feld seien, gell, Oma? Oma!<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfmutter sagt trocken, mit ungew\u00f6hnlich gef\u00fchlloser Stimme, es handle sich um einen nutzlosen Sch\u00e4dling, und er w\u00fcrde eigentlich gezielt ausgesiebt bevor man das Getreide an die Bauern verkauft, dass eigentlich niemand diese Blumen brauche und Sch\u00f6nheit wirklich nicht das wichtigste im Leben sei.<\/p>\n<p>Das Kind lockt weiter mit seiner hohen, freundlich euphorisch lobenden Kinderstimme die Farben, die Pracht, das Verh\u00e4ltnis, das Wunder der Natur im Allgemeinen, den Anblick dieser Pracht und Freude. Die Gro\u00dfmutter schweigt. Nimmt alle paar Meter am Weg ein Korn von einer \u00c4hre aus dem Feld, mit sanfter Hand und ger\u00e4uschlos, kostet sie und spuckt sie wieder aus. Bald kann man ernten, alles umschneiden. Alles. Auf die braune Erde zur\u00fcckstutzen, dann ackern.<\/p>\n<p>Oma, sind die nicht ganz ganz sch\u00f6n, die Kornblumen, Oma? Wieso sagst du denn nicht, schau doch einmal hin, schau mich doch einmal an! Abrupt bleibt die Gro\u00dfmutter stehen, neigt sich ein wenig nach vor, und spricht mit leiser Stimme: \u201eDie werden mir nie wieder gefallen.\u201c<\/p>\n<p>Warum, fragt das Kind? \u201eDas musst du wen anderen fragen. Ich will da nie wieder dar\u00fcber reden.\u201c Hebt steif den Kopf, richtet sich auf, geht stramm in Richtung Hofeinfahrt davon, die linke Hand sieht man beben, wenn man genau hinschaut. Die rechte h\u00e4lt einen Stock fest, als w\u00fcrde er sich wehren gegen das gehalten werden.<\/p>\n<p>Das Kind l\u00e4uft in die K\u00fcche im Haus neben dem der Oma, wie dass den sei mit den Kornblumen, fragt es dort, was denn da los sei, die Oma sei ja sonst nicht so naturfeindlich und komisch ist sie heute, die Oma, irgendwie traurig. Das ist der Tag an dem das Kind lernt, was ein Nazi ist, und dass es komische M\u00e4nner gab, die am Gewand Blumen tragen, an denen man sie erkennt, und dass das die gr\u00f6\u00dften Arschl\u00f6cher und Verbrecher aller Zeiten gewesen sind.<\/p>\n<p>Wenn es gro\u00df ist, wird es sich erinnern, nichts davon zu vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>KORNBLUMENBLAU Gerade eine Hand voll Jahre alt oder j\u00fcnger ist das Kind, mit seiner Oma unterwegs, die genau 60 Jahre \u00e4lter ist, geboren mitten im ersten der gro\u00dfen Kriege. 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