Eben war ich auf einer Tagung mit dem Titel „Transformation in eine sozial-ökologisch gerechte(re) Zukunft“.
Als ich am Tag zwei um 9:46 bei der Tür hereinkam ist eine der Organisatorinnen auf mich zugekommen und hat auf mich eingeredet, ich solle doch um 10 Uhr am queerfeministischen Panel teilnehmen. Gegen 9:53 habe ich mich also hingesetzt und mir überlegt:
Was hat im politischen Aktivismus für mich bisher funktioniert?
Im Folgenden geht es nicht um Gebote, die man streng befolgen muss, sondern Empfehlungen, um es Dir leicht zu machen.
1. Such dir reale Verbündete, und zwar in deinem echten, wirklichen Leben. Solche, mit denen du dich wirklich triffst, nicht nur online, nicht nur in den unsozialen Medien.
2. Wenn du geschafft hast, reale Verbündete zu finden, such dir weltweit Verbündete. Das ist unglaublich bereichernd, spannend und interessant (und eventuell hast du mal ein gratis Sofa wenn du in diese Region auf eine Konferenz reist…). Du hast allerdings weniger Nutzen von internationalen Partnerschaften, wenn Du keine Leute in deiner Heimat kennst, die an dem Thema arbeiten.
3. Nimm es nicht persönlich. Und macht es nicht persönlich.
Denn vermutlich willst Du morgen noch in den Spiegel schauen können.
Ad Hominem Angriffe (persönliche Untergriffe und Angriffe ohne Zusammenhang mit dem Thema) sind in demokratischen Settings meistens nicht erfolgreich und sie befriedigen eine*n nicht, das möchte ich an dieser Stelle gesagt haben.
Persönlich ist das normalerweise nicht gemeint. Ich sage dir nicht, dass du irgendeine grauenhafte Tat oder politische Maßnahme akzeptieren sollst, du sollst nur (aus Egoismus! Für Dein eigenes Wohl) verstehen, dass mit den meisten politischen Maßnahmen und Handlungen nicht Du gemeint bist. Ich sage nicht, dass man nicht mal einen Witz machen darf, aber das Leben von Gegner*innen zerstören und sie privat attackieren wird bald auf dich selbst zurückfallen. Bleib sachlich, bleib bei Argumenten, und wenn Sie Dich als Person angreifen bleib souverän.
Das macht alles leichter. Und politischer Aktivismus ist schwer, kräftezehrend, auslaugend, zermürbend, eine Tröpfchen-Gegen-ein-Meer-Strategie. Mach es dir so leicht es geht.
3. Such dir ein konkretes Ziel.
Such dir ein Ziel das erreichbar, messbar und prüfbar ist. Unter Linken ist das nicht gerade eine Position die en vogue ist. Aber es erleichtert alles, und es führt zu Ergebnissen.
Also „der Sturz des Kapitalismus“ und „Der Sturz des Patriarchats“ sind für mich kein erreichbares wen auch messbares Ziel.
Konkrete, erreichbare Ziele wären
- Lohnschere der Geschlechter binnen fünf Jahren um zwei Prozent reduzieren als Ziel bei einer Partei zum erklärten Ziel machen im Parteiprogramm
- In einem Jahr drei Workshops gegen Klassismus in Schulen halten
- Zwei Blogartikel nächstes Jahr schreiben
- 100 neue Bloglesende nächstes Jahr finden
- Auf einer kontroversen Podiumsdiskussion einen gut geplanten Kommentar abgeben
- Eine Podiumsdiskussion organisieren
- in einer Partei die für ein Thema zuständige Politiker*in von einer bestimmten Abstimmung überzeugen.
- eine coole Party für Gleichgesinnte organisieren
- Sexarbeit als Vokabel in ein Gesetz bringen
- zwei Medienberichte zu einem Thema in einem Jahr platzieren
- drei Interviews platzieren in einem Jahr zu einem bestimmten Thema
4. Es muss Spaß machen!
Vor ein paar Jahren auf einer Podiumsdiskussion sagte Kurto Wendt über seinen Aktivismus: „Es muss Spaß machen, sonst mache ich es nicht.“
Das hat mich ehrlich umgehauen.
Und er hat strukturell völlig recht, zumindest unter den Gegebenheiten einer halbwegs funktionierenden Demokratie. Übrigens ist kurz bevor ich auf der Tagung zu reden anfing Kurto Wendt bei der Tür hereingekommen. Ich bewerte das als gutes Omen für eine sozial-ökologische Zukunft.
Wer so gar keine Ahnung hat wie lustvoller Aktivismus mit viel Spaß gehen könnte liest bitte die unten angeführten Literaturempfehlungen.
Ich möchte ein Beispiel zu aktivistischem Spaß bringen, welches in einem der Bücher genannt wird. „In einem Protest gegen Milosevic nahmen (…) OTPOR-Aktivisten (…) weiße Blumen und steckten sie Truthähnen an den Kopf – wobei man wissen muss, dass die verhasste Gemahlin des Diktators jeden Tag eine weiße Plastikblume im Haar trug und dass das serbische Wort für Truthahn eines der übelsten Schimpfwörter für eine Frau ist. Die so geschmückten Truthähne wurden auf den Straßen von Kragujevac losgelassen, und die Bürger durften amüsiert zusehen, wie Milosevics gefürchtete Geheimpolizisten hinter den wild gackernden Truthähnen her stolperten.“ (Popovic, Protest!, 18). Das nahm den Zusehenden ein wenig von der Angst vor der Geheimpolizei, und es gab den Menschen Grund zu lachen. Lachen – das wird in jeder Diktatur verboten. Und klar, in einer Diktatur ist untergriffig und persönlich absolut erlaubt. Brünzels, Popovic und Beautiful Trouble bringen unzählige Beispiele für solche Aktionen und Ideen, wie man solche Ideen entwickelt.
5. Nicht herzlos über den Kopf der anderen hinweg
Meine Vorrednerin sagte, dass Veränderung über Menschen hinweg nicht möglich ist. Es braucht Zusammenarbeit auf Augenhöhe, nicht Tipps, kein von Oben herab, keine Rettung. Hab keine Ziele, die nicht gemeinsam mit den Betroffenen entwickelt wurden. Es macht mehr Freude und es ist sinnvoller.
BONUSBEFEHL: Es ist deine unumgängliche Pflicht, deine Psyche stabil zu bewahren! Niemand hat einen Nutzen davon, wenn du ein Aktivist*innen-Burn-Out bekommst. Schau auf dich. Das gute Leben für alle bekommen wir nicht, wenn wir uns alle so niedergebrannt haben, dass wir keinen Spaß mehr haben, nicht mehr lachen können, und nur noch unausstehlich sind. Kreativität braucht Muse und Du brauchst sie verdammt noch mal.
Feiere Deine Erfolge. Entspann dich, tu dir Gutes. Und wenn du das nicht kannst, dann ändere es. Du bist dann auch kreativer, teamfähiger, leistungsfähiger und erfolgreicher in deinen Aktionen.
Gegen Ende der Tagung hat Maren Rahmann ein Lied gesungen, dessen letzter Satz war „Die größte Macht ist Deine Phantasie!“
Also, lass Dir was einfallen! Viel Erfolg und viel Spaß!
LITERATUREMPFEHLUNGEN
Srdja Popovic, Matthew Miller, Protest! Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt
Srdja Popovic, Blueprint for Revolution.
Andrew Boyd, Dave David Oswald Mitcehll, Beautiful Trouble. Handbuch für eine unwiderstehliche Revolution.
autonome a.f.r.i.k.a. gruppe, Luther Blissett, Sonja Brünzels, Handbuch der Kommunikationsguerilla.